Mary Ann bezwingt den Atlantik in der Fabelzeit von weniger als 16 Tagen und ersegelt den 2. Platz auf der ARC Antigua 2002.

 

Die ARC Antigua ist eine Rally für Segelyachten, die von Playa Blanca/Lanzarote nach Jolly Harbour/Antigua führt. Sie wird seit diesem Jahr parallel zur klassischen ARC (von Gran Canaria nach St. Lucia) vom World Cruising Club angeboten, nachdem diese mit weit über 280 Meldungen hoffnungslos überbucht war. 24 Yachten zwischen 38 und 65 Fuß, darunter 4 Katamarane, hatten für die 2.800sm lange Reise in der extra für diesen Anlaß eröffneten Marina Rubicon versammelt und startklar gemacht.

Die Crew der Mary Ann setzte sich zusammen aus der Chartercrew mit dem Skipper Wolfgang und seinen drei Segelfreunden Andreas, Herwig (zuständig für Wetter und Videodokumentation) und Hans-Georg (Smut) sowie Mary Ann Skipper Stephane und Eigner Cornelius, die für den optimalen Trimm sorgten und die umfangreiche Technik an Bord unterhielten.

Wie vor jedem großen Erlebnis gilt es zuerst einmal Hürden aus dem Weg zu räumen. Für uns war dies der Zoll von Lanzarote, der für Segelyachten ohne festen Wohnsitz –und eigener Steuernummer in Lanzarote- überhaupt kein Verständnis hat: Stephane und Cornelius waren fast 2 Wochen -teilweise mit 2 Mietwagen- unterwegs zwischen Zoll, Spediteur, Flughafen, Kurierdienst um wenigstens die Sturmfock, das Sonnensegel, den Sextanten, die Lifesling und den Ersatzdichtungssatz für das Ruderlager bis zum Start an Bord zu bekommen. Die Ersatzteile für die Hauptmaschine haben es nicht geschafft, die müssen nun in die Karibik geschickt werden. Fischer Panda hat zum Glück den erforderlichen neuen Wärmetauscher für unseren Generator als Handgepäck eines seiner Ingenieure eingeflogen, der ihn dann auch gleich sehr erfolgreich eingebaut hat, toller Service!

Reichlich beladen mit ca. 1 Tonne Diesel, 700 Ltr. Wasser (100 davon in Plastikflaschen als Mineralwasser), etwa 200 Flaschen Rotwein ... und allem, was man so für eine Weltreise an Ersatz- und Reserveteilen in der Backskiste hat ging es dann an den Start.

Die Crew der Mary Ann vor dem Start

Nach dem Start am 23.11. vor Playa Blanca hieß es vorerst so schnell wie möglich nach Süd zu kommen, um einem Sturmtief auszuweichen, das sich im Norden der Canaren zu bilden drohte. Als dann gegen Mitternacht Moro Jable/Fuerte Ventura achteraus lag kam von unserem Router, Meno Schrader aus Kiel, der entscheidende Hinweis: Entgegen der Lehrmeinung weiter nach Süd zu gehen um auf 20 Grad Nord den Passat zu erwischen empfahl er uns direkten Kurs auf Antigua einzuschlagen, Kurs 240°. Drei Tage später, am 27.11. begrüßte uns der Passat mit einem kräftigen NE und das ganze Feld lag hinter uns! Wir wolltes es kaum glauben, da tauchte auch schon ein blauer Spinnacker hinter uns auf und wurde langsam aber stetig größer. Die „Spirit of Diana“, eine Farr 65 der ARC nach St. Lucia hatte wohl auch mitbekommen, dass dieses Jahr die Nordrute nicht nur den kürzeren Weg sondern auch den besseren Wind bot. Mit ausgebaumten Blister und viel Kampfgeist konnten wir viele Stunden mithalten bis sie uns in den Abendstunden doch nach vorne hin entschwand.

“Spirit of Diana” auf dem Weg nach St. Lucia

Von nun an hieß es raumschots segeln. Die achterliche See ließ Mary Ann kräftig rollen und forderte von den Steuerleuten volles Engagement. Versuche mit dem ausgebaumten Blister gaben wir bald auf, da das Risiko selbigen endgültig um das Vorstag zu wickeln uns einfach zu groß erschien. Wir wollten ihn uns in jedem Fall für mögliche Schwachwind Passagen erhalten. Eine weise Entscheidung, wie sich im Ziel hinterher herausstellte: Praktisch keine Yacht kam ohne ernsthafte Spischäden durch!

Unter klassischer Passatbesegelung, volles Groß und Genua 1 an Bb. und Genua 3 ausgebaumt an Stb. ging es nun für 12 Tage mit 8 bis 9 Knoten nach SSW, bis ins Ziel.

Passatsegel (Foto: Andreas Strüngmann)

Aber es wurde wahrhaft nicht langweilig: Erst hört die wachhabende Crew gemeinsam einen Hilferuf im Wasser bei pechschwarzer Nacht und ca. 2 Meter achterlicher See. Es dauerte 30 lange Minuten, ehe alle Mann an Deck waren, die Segel geborgen und unter Maschine das Schiff auf Gegenkurs gebracht war. Dank elektronischer Seekarte, die 5 Meter genau unser Kielwasser markierte war es ein Kinderspiel präzise den Kurs wieder zurück zu gehen. Wir erreichten die Position des vermeintlichen Hilferufes etwa eineinhalb Stunden nach Auslösen des Alarmes. Schnell mussten wir aber einsehen, daß trotz unserer genauen Ortsbestimmung die Chance jemandem im Wasser zu finden und bei diesem Seegang an Bord zu bringen erschreckend gering war. Wir hatten noch die etwas makaber klingende Meldung abgesetzt, daß unsere vor uns liegenden Yachten doch mal nachsehen möchten, ob ihnen jemand abhanden gekommen sei. Da keiner einen Verlust meldete gingen wir 2 Stunden später wieder auf Kurs mit dem unangenehmen Gefühl im Magen nicht sicher zu sein ob der vermeintlich gehörte Ruf nicht doch von einem Menschen stammte.

An das Anlegen der Schwimmweste und das Einpicken brauchte keiner mehr nach dieser Aktion erinnert zu werden.

Andreas auf Ruderwache

4 Nächte später überraschte uns ein Squally (die für die Passatregion typischen schweren Schauerböen) mit 35 Knoten Wind ungerefft. Die unausweichliche Patenthalse und ein "alle Mann an Deck" Manöver folgten. Die Vorsegel waren schnell weggerollt, aber beim Einbinden des Reffs zeigte sich dann doch ein gewisser Trainingsrückstand. Die See hatte sich inzwischen auf 3 – 4 Meter aufgebaut, das Steuern erforderte extreme Konzentration und brutalen Krafteinsatz. Nach ca. einer Stunde war der Spuk vorüber und der Wind flaute auf 5-6 Bft. ab. Die Schadensbilanz ergab 2 gebrochene Segellatten und eine Winchkurbel, die die Großschot beim Überkommen über Bord befördert hatte. Nur der Sicherungsvierkant steckte noch auf der Winch! Wir waren alle beeindruckt, was die Mary Ann so abkann. Das Reff ließen wir vorsichtshalber noch 2 Tage eingebunden.

Am 1. Dezember um 16:00 UTC feierten wir Bergfest, die ersten 1.400sm waren geschafft. Hans-Georg verwöhnte uns mit superzartem „Chateau Briand a la maison“ und bestem kanarischen Rotwein.

Mit Volldampf nach Antigua

Die 2. Woche auf See war geprägt durch ruhiges Passatsegeln vor 4-5 Bft. und 2 Meter Wellen, die die Selbststeueranlage sicher bewältigte. Herannahende Squallys konnten wir gut im Radar ausmachen und ihnen entweder ausweichen oder aber –nun rechtzeitig gerefft- gelassen aussegeln.

Tägliches Duschen und eine hervorragende Küche sorgten weiterhin für beste Stimmung. Mit 3 Wachen a 2 Mann kam auch der Schlaf nachts nicht zu kurz. Dazu begleite uns eine Familie Orcas über 24 Stunden. Sie sind zwar nicht so verspielt wie die Delphine, die uns anfangs der Reise mit ihren sportlichen Einlagen am Bug begeisterten, strahlen aber durch das gelegentlich zu hörende Ausblasen eine ungemeine Ruhe aus, als wenn sie uns sagen wollen: Ihr seid hier nicht alleine.

Mary Ann erreichte das Ziel nach sagenhaften 15 Tagen, 23 Stunden und 27 Minuten. Dabei lieferten wir uns noch ein heißes Finish mit der Espri de Tizza, einer Catana 531, die mit doppelt gerefftem Groß und Spinnacker von Süden her auftauchte. Ihr waren fast alle Segellatten gebrochen, sodaß sie nur noch den oberen Teil ihres schönen weit ausgestellten Großsegels nutzen konnte.

Mary Ann im Ziel in Jolly Harbour

Wieder festen Boden unter den Füßen genießen wir in vollen Zügen tagsüber das Grün der Insel auf einer ausgedehnten Rundfahrt im Jeep und abends die traumhaft gelegenen Cafes und Strand-Barbeques zusammen mit den anderen „early arrivals“ auf der offiziellen Wellcome Party des ARC Organisationsteams.

Bevor wir aber unsere Gäste wieder zu ihrem Rückflug ins kalte Europa entlassen entführen wir sie noch zu einem Tauchausflug in die benachbarte Deep Bay. Wir füllen unsere Tauchflaschen mit dem bordeigenen Kompressor und komplettieren das Tauchequipment in der örtlichen Tauchschule.

Vor dem Traumstrand des Antiguan Resort Hotels fällt der Anker auf 2,5 Meter in glasklarem Wasser. Hier kann Mary Ann endlich zeigen, wozu sie primär gebaut wurde: In einer traumhaften Bucht vor Anker liegend, mit aufgeholtem Kiel und herabgelassener Badeplatform, unabhängig von Landeinrichtungen und örtlichem Service Erholung pur bieten. Ausflüge zum Strandkafé und zur Burgruine auf der vorgelagerten Landspitze schließen das Tagesprogramm ab.

Deep Bay, Antigua

Unser Tauchziel ist ein Frachtsegler vom Anfang des letzten Jahrhunderts, der hier mit einer Ladung Pech auf ca. 7 Meter Tiefe liegt. Die Mastspitzen schauen noch aus dem Wasser. Wir ankern mit dem Dinghi direkt neben dem Wrack. Unter Wasser überrascht uns eine Art Miniriff, das sich an den alten Planken gebildet hat. Durch die geringe Wassertiefe leuchten die Farben der Rifffische besonders prächtig. Der ehemals stolze Südamerika Segler ist bis auf das obere Deck noch gut erhalten.

Wolfgang lässt es sich nicht nehmen in einem 2. Tauchgang zusammen mit Skipper Stephane die Unterwasserwelt noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Zum Sonnenuntergang heißt es dann wieder zurück in die 6sm entfernte Marina, denn am nächsten Morgen um 4:00 in der Frühe wartet das Taxi zum Flughafen. Wir verabschieden unsere Gäste wie alte Freunde, mit denen wir einen riesigen Schatz neuer, intensiver Erlebnisse sammeln konnten und freuen uns schon jetzt unsere gemeinsamen Segelabenteuer –vielleicht in der Südsee im kommenden Sommer- fortsetzen zu können.

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